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Fakultät Informatik 
Der Beauftragte für Auslandskontakte 
Prof. Dr. Hermann Härtig/i. V. Dr. Horst Lazarek

Studium an der Ecole Centrale Paris (Beitrag Uni Stuttgart)


Studienorganisation 

Die Ecole Centrale Paris unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der Universität Stuttgart. Das liegt vor allem auch am
französischen Hochschulsystem, das zwischen Universitäten und Grandes Ecoles unterscheidet. Die Ecole Centrale Paris,
die zu letzteren gehört hat aus deutscher Sicht einen sehr verschulten Studienaufbau. Das heißt, dass schon einmal die
Dauer des Studiums auf drei Jahre festgesetzt ist, was voraussetzt, dass in diesen drei Jahren ein fester, von jedem
Studenten einzuhaltender, Studienplan vorliegt. In den ersten beiden Jahren werden Grundlagenfächer der Mathematik,
Physik und des Ingenieurwesens gelehrt, an denen alle Studenten teilnehmen, weswegen man hier von einer
Generalistischen Ingenieursausbildung spricht; erst im dritten Jahr wählt der Student dann ein Vertiefungsfach, für den
wiederum ein verbindlicher Studienplan besteht. 
Es gibt keine Unterteilung in Semester. Es werden hier immer volle Studienjahre betrachtet. Vorlesungen ziehen sich aber
nicht über das ganze Jahr hinweg, sondern sind blockweise verteilt mit einer anschließenden Prüfung Diese sind deshalb
immer auf das ganze Jahr verteilt. Besteht man eine Prüfung nicht, so gibt es eine Wiederholungsprüfung, die wenige
Wochen später stattfindet. Besteht man auch diesen zweiten Anlauf nicht, wiederholt man diese Prozedur im
darauffolgenden Jahr. Es gibt natürlich Beschränkungen. Die wichtigste ist die, dass man nur maximal zwei Prüfungen
zweimal hintereinander nicht bestehen darf. Sind es mehr, so muss man das ganze Jahr - also alle Vorlesungen samt
Klausuren - noch einmal wiederholen. 
An der Ecole Centrale Paris gibt es pro Jahrgang 400 Schüler. Die Schule ist somit im großen und ganzen überschaubarer als
eine deutsche Universität, doch ändert das nicht viel an der Größe der Vorlesungen, da es ja sozusagen nur einen
Studiengang mit 400 Schülern gibt. Im dritten Jahr gibt es Vertiefungsfächer, deren Vorlesungsgröße der eines Stuttgarter
Vertiefungsfach entspricht. Dennoch hat man hier mehr Kontakt zum Lehrkörper. Jeder Schüler hat einen Tutor, der ihm
bei Problemen zur Seite steht und in Gesprächen die Leistungen des Schülers diskutiert. Zudem gibt es über das Jahr
hinweg kleine Projekte, Seminare und Praktika, die in kleinen Gruppen von Lehrkräften geleitet werden. 
Für jeden Jahrgang sind zwei Inspektoren zuständig, die die Noten verwalten und sich um den reibungslosen Ablauf der
Übungen, der Einschreibung in Praktika und so weiter kümmern. Die Organisation des Studienalltags werden den Schülern
somit etwas erleichtert. 
Der Arbeitsaufwand ist hier um einiges größer als in Stuttgart, vor allem die Stundenzahl von ca. 40 Wochenstunden liegt
deutlich über dem eines deutschen Studenten. Zudem kommt noch, dass die Franzosen die zwei Jahre dauernden „classes
préparatoires“ besucht haben und in vielen Vorlesungen an der Ecole Centrale auf die dort vermittelten fundierten
Kenntnisse in Mathematik und Physik zurückgegriffen werden. Diesen Wissensrückstand kann ein an einer deutschen
Universität erlangtes Vordiplom nicht wettmachen. Die Sprachkenntnisse waren zu Anfang natürlich auch ein nicht
geringes Problem, was natürlich für die Aneignung des Stoffes einen Mehraufwand bedeutete. Diese Probleme gaben sich
natürlich mit der Zeit. 

Integration des Studiengangs 

An der Ecole Centrale gibt es drei Jahrgänge. Ein Jahrgang hört alle Vorlesungen gemeinsam. Von den 400 Schülern eines
Jahrganges sind ungefähr 50 Ausländer Verschiedenster Nationen. Mit der Integration gibt es eigentlich kaum Probleme, da
der Jahrgang schon am Anfang des Jahres in kleine Gruppen aufgeteilt wird. die dann über die ersten zwei Jahre (tronc
commun) hinweg ein technisches Problem analysieren und versuchen zu lösen. In diesen Gruppen sind maximal zwei
Ausländer. Später gibt es dann immer wieder mal Seminare und Praktika die wieder in neu zusammengestellten Gruppen
stattfinden. Man kommt also immer wieder mit anderen Schülern zusammen, mit denen man gemeinsam arbeitet. 
Zu Schülern der anderen Jahrgängen hat man vor allem im Wohnheim Kontakt. Auf einer Etage mit gemeinsamer Küche und
Aufenthaltsraum wohnen 24 Schüler aller Jahrgänge zusammen. Zusätzlich steht Sport als Pflichtprogramm auf dem
Stundenplan. Ansonsten gibt es jede menge Clubs und sonstige studentische Einrichtungen, in denen man sich mit
anderen Schülern engagieren kann. 
Die Ausländer, insbesondere die europäischen Studenten des TIME-Programms haben bei der Schulleitung einen
besonderen Status. Da wir ja nicht über die „classes préparatoires“ an die Ecole Centrale gekommen sind, ist der
Schulleitung bewusst, dass wir nicht so tiefgreifende Kenntnisse in Mathematik und Physik haben. Außerdem sind sie sich
unserer anfänglichen Sprachschwierigkeiten bewusst. Für einige Vorlesungen werden deshalb Zusatzkurse veranstaltet und
auch das Regelwerk für die Versetzung vom erste ins zweite Jahr ist etwas flexibler. 

Kontakte zur Wirtschaft und Arbeitswelt 

Die Ecole Centrale Paris wird vom Staat aber auch von der Industrie getragen. Vor allem die Vertiefungsrichtungen
(options) im dritten Jahr haben eine ganze Reihe an Patenfirmen. Die Unterstützung und die Nähe zur Industrie macht
sich aber auch schon in den ersten beiden Jahren (tronc commun) bemerkbar. Gleich zu Anfang besucht man in kleinen
Gruppen verschiedene Betriebe, spricht mit Ingenieuren und beschäftigt sich über zwei Jahre hinweg mit einem
technischen Problem dieser Firma. Dazu bleibt der Kontakt zur Firma in Form eines Ingenieurs als Ansprechpartners
bestehen. Einige Vorlesungen und auch Übungen werden von Dozenten gehalten, die aus der Industrie kommen. Zwischen
dem ersten und zweiten Jahr ist ein Praktikum in der Industrie und auch ein Auslandsaufenthalt (beides kann miteinander
verbunden werden) obligatorisch. Das große Ereignis, bei dem Schüler und Industrie aufeinandertreffen, ist allerdings das
alljährlich stattfindende zweitägige Forum, die Industriekontaktmesse der Ecole Centrale Paris, an der ca. 100 Firmen
teilnehmen. Dort kann man sich über die Firmen informieren, nach Praktika oder später nach Einstellungsangeboten
fragen. Das bemerkenswerteste an diesem Forum ist der erste Tag, an dem auf jedem Stand eine Berufsgruppe und nicht
eine Firma präsentiert wird. Man findet dort also Ingenieure der verschiedensten Firmen, die pro stand jedoch ihre im
Beruf ausgeübte Funktion gemeinsam haben. Dieses Forum wird von Schülern organisiert, jedes Jahr von dem
nachfolgenden Jahrgang. 
Die Studenten. die im Rahmen des TlME-Programms an der Ecole Centrale studieren, haben sogar noch einen
privilegierteren Kontakt zu Firmen. Die Schule hat zu diesem Zweck den "Club Time Plus" gegründet, in dem achtzehn
Firmen vereinigt sind, die dieses Programm fördern. Zusätzlich zur Industriekontaktmesse der Schule treffen die Betriebe
des "Club Time Plus" und die Studenten des TIME-Programms noch einmal aufeinander. Dort ist der Kontakt natürlich viel
intensiver. Außerdem organisieren diese Firmen Betriebsbesichtigungen, Präsentationen und Konferenzen. 

Materielle Situation 

Die Ecole Centrale hat einen angegliederten Campus mit einem Wohnheim in dem alle Schüler untergebracht sind. Es gibt
nur wenige Schüler, die außerhalb wohnen. Das Wohnheim ist mit einer Monatsmiete von 1800 FF (ca. 270 €) gegenüber den
Wohnheimen in Stuttgart wesentlich teurer, vor allem angesichts des Zustandes der Gebäude, insbesondere der
gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen. Die sonstigen Lebenshaltungsposten sind hier im Großraum Paris deutlich
höher als in Deutschland, so dass ein Studienaufenthalt ohne Erhalt eines Stipendiums fast ausgeschlossen wäre. 
Das Erledigen von Formalitäten wie zum Beispiel für die Aufenthaltsgenehmigung bereitet im allgemeinen keine Probleme,
da man von der Schule und der Wohnheimsverwaltung mit allen nötigen Bescheinigungen versorgt wird, auch die
Formalitäten der Einschreibungen werden während einer Laufrunde an einem der ersten Tagen erledigt.


Hermann Härtig/i. V. Dr. Horst Lazarek, 22. Juli 2002